Ackerbau mit Hilfe aus dem All

Precision Farming

Landwirtinnen und Landwirte setzen bei ihren Arbeiten auf dem Feld zunehmend auf Hilfe aus dem All. Vor allem große Betriebe können von dem Einsatz modernster Satellitentechnik profitieren. Am Fachbereich Agrarwissenschaft der Fachhochschule Kiel forscht Prof. Dr. Yves Reckleben rund um das so genannte Precision Farming.

Wachsen in der freien Natur

Eine wesentliche Aufgabe des Ackerbaus besteht darin, den heranwachsenden Kulturen die optimalen Umweltbedingungen für ihre Entwicklung zu bieten. Diese Aufgabe wäre noch recht leicht zu bewerkstelligen, wenn jedem Saatkorn eine identische Umwelt geboten werden könnte. Mutter Natur verweist diesen theoretischen Ansatz aber in seine praktischen Schranken – Natur ist nicht uniform, sondern sehr individuell. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Umwelt nicht nur von Acker zu Acker, sondern selbst auf einem und demselben Flurstück teilweise deutlich unterscheiden kann. Insofern bleibt Landwirtinnen und Landwirten nur die Möglichkeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und die Bewirtschaftung ihrer Flächen an die jeweiligen Umweltbedingungen anzupassen.

Vom Auge zum Sensor

Landwirte sind gut geschult darin, die unterschiedlichen Charaktermerkmale ihrer Ackerflächen zu erkennen. Sie kennen die Senken, die lehmigen Ecken und die sandigen Teilstücke und haben die Bodenbearbeitung ebenso auf die jeweiligen Verhältnisse des Bodens angepasst wie die Düngung oder auch die Verabreichung von Pflanzenschutzmitteln. Doch selbst die Talentiertesten stoßen hier zuweilen an ihre Grenzen. Völlig neue Methoden und Möglichkeiten in diesem Bereich bietet das Precision Farming. Seit den ersten Gehversuchen in der Praxis sind mittlerweile über 15 Jahre vergangen, erklärt Prof. Reckleben: „Als ich die Professur an der FH Kiel übernahm, war das Precision Farming für die meisten unter uns noch ferne Zukunftsmusik. In den letzten zehn Jahren hat die Branche enorme Fortschritte gemacht, von denen auch unsere Studierenden in ihrer Ausbildung profitieren."

Stichwort Satellit

Durch eine geschickte Nutzung der Satellitentechnik ist es möglich, jede Ackerfläche Zentimeter für Zentimeter in Form einer digitalen Landkarte abzubilden. Mit einem speziellen Sensor, zumeist an der Kabine des Schleppers oder des Mähdreschers angebracht, fährt der Landwirt in seinen gewohnten Bahnen über den Acker. Während dieser Fahrt werden sowohl die exakten Positionsdaten des Schleppers als auch wichtige Charaktermerkmale der Fläche gesammelt und zusammen gefügt. Hierzu zählen beispielsweise die Versorgung mit Stickstoff, Spurenelementen oder auch die Leitfähigkeit des Bodens oder der ph-Wert. Auf diese Weise wird der Ernährungszustand einer Pflanze ermittelt und die auszubringende Nährstoffmenge exakt auf die Bedürfnisse der Pflanze angepasst.

Technischer Fortschritt schont Konto und Umwelt

Was die Bewirtschaftung von Ackerflächen mit Precision Farming so reizvoll macht, ist die optimale Versorgung der Pflanzen mit allem, was diese für ein gesundes und ertragreiches Wachstum benötigen. Jede Pflanze erhält das, was sie benötigt, nicht zu viel und nicht zu wenig. Das schont Geldbeutel und Umwelt gleichermaßen, kein Wunder also, dass Precision Farming bestens in die aktuelle Zeit passt.

Precision Farming zwischen FH und Herstellern

Precision Farming ist bei den führenden Landtechnikherstellern eines der zentralen Forschungsgebiete. Die Möglichkeiten dieser Technik sind noch lange nicht in ihrer Gänze erschlossen. Zudem arbeiten die Expertinnen und Experten an weiteren Erleichterungen der Handhabbarkeit. Aus dem Bereich der Forschung bringen sich Wissenschaftler wie Prof. Dr. Yves Reckleben aktiv in die Entwicklung ein und arbeiten in gemeinsamen Projekten gut mit den späteren Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern der Studierenden zusammen. Dies sichert Absolventinnen und Absolventen echte Vorteile bei der späteren Berufswahl.

Für Landwirte zunehmend interessant

Inzwischen setzen immer mehr Landwirte Precision Farming ein. Die Investitionen liegen je nach Erfordernis und Hersteller im Bereich von 15.000 und 35.000 Euro. Derzeit eignet sich eine passende Technik vor allem für größere Betriebe, da sich die Kosten dort auf eine größere Einsatzfläche verteilen lassen. Aber auch landwirtschaftliche Lohnunternehmerinnen und -unternehmer, die im Auftrag von Landwirtinnen und Landwirten Arbeiten auf den Feldern übernehmen, setzen Precision Farming vermehrt ein und bieten ihren Kundinnen und Kunden auf diese Weise einen günstigen Zugang zu den Vorteilen dieser Technik. Optimistische Händler gehen davon aus, dass sich die Investition ab einer Einsatzfläche von 150 Hektar lohnt. Prof. Dr. Reckleben gibt sich da zurückhaltender: „Ab 300 Hektar macht diese Technik beim derzeitigen Stand der Dinge aber durchaus Sinn“, so der Forscher. Denn sicherlich wird die weitere Entwicklung in diesem Bereich dafür sorgen, dass die Einstandskosten für diese Technik weiter sinken könnten oder aber die Potenziale des Precision Farming noch besser ausgeschöpft werden. Und vielleicht ergeben sich durch das Interesse von Öffentlichkeit und Politik in Zukunft weitere Aufgaben, die Landwirte mit Hilfe dieser Technik übernehmen und zusätzliche Einkommen erzielen können.

Dieser Beitrag ist in seiner Langfassung in der "viel.", Dem Campusmagazin der FH Kiel 02/2016 erschienen und kann hier eingesehen werden.

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